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Postby Biotoecus » 06 Sep 2008 13:58
Hallo,

Achtung, nun kommt ein höchst theoretisches Gedankengebilde. :D

Wie viel Futter braucht ein Fisch?
Was passiert da mit dem Wasser?
Wie groß muss der Filter sein?

Hängen diese Fragen in einem bestimmten Zusammenhang? Öh, ja. Doch. Irgendwie schon.
Mit dem Futter bringt man Stoffe in das Aquarium, die irgendwie verarbeitet werden müssen.
Sei es von den Fischen, Pflanzen oder dem Filter.

Alle Aquarianer kennen die Problematik irgendwie eine bestimmte Futtermenge für einen ganz speziellen Fischbesatz herausfinden zu wollen.
Doch wie kann man sich dieser Frage nähern?
Richtigerweise geht das nur über das Lebendgewicht der zu fütternden Fische.
Doch wie bestimmt man das Gewicht eines Fisches?
BREMER nennt ein paar Gewichte von Fischen:

BREMER geht auch darauf ein, dass in den verschiedenen Stadien eines Fischlebens mal mehr oder mal weniger Futter in das Wachstum eines Fisches fliessen.
Ist ja klar. Ein Jungfisch muss Masse aufbauen, ein ausgewachsener Fisch nicht mehr.

Im Jahre des Herrn 2006 war ich in Hamburg bei der dortigen Regionalgruppe Nord des BSSW und BORCHERDING referierte über die Flussbarschernährung in Schweden.

Wie auch immer. Lese ich BREMER und habe BORCHERDING im Ohr, so komme ich in etwa zu dem Ergebnis, das 2-5% der Fischmasse an Futter zugeführt werden muss, pro Tag.

Nun wunderte ich mich darüber, weil ja diese 2-5% ein doch ein recht kleiner Wert sind.
Also nahm die Rechnerei ihren Lauf und ich staunte nicht schlecht.

Ich guckte also in mein Aquarium, in welchem 98 Paracheirodon axelrodi schwimmen und stellte mir alternativ mal ein Diskusbecken vor.
Mein Neonbecken fasst etwa 240 Liter Brutto.
Um die ganze Sache irgendwie greifbarer zu machen unterstelle ich ein 250 Liter Brutto Becken für die folgenden Beispielrechnungen. In diesem Aquarium sind dann 200 Liter Wasser nach Abzug aller Faktoren wie Bodengrund, Wurzeln, Steine und so weiter.....

Man stelle sich nun folgendes vor:
Becken 1: 100 P. axelrodi
Becken 2: 1 S. diskus
Becken 3: 4 S. diskus

Gewichte:
P. axelrodi 0,5 g bei TL 3,0 cm x 100 Fische = 50 Gramm
S. diskus 180 g bei TL 16 cm x 1 Fisch = 180 Gramm
S. diskus 180 g bei TL 16 cm x 4 Fische = 720 Gramm

Futtermengen bei 5% der Fischmasse:
100 P. axelrodi = 2,5 g
1 S. diskus = 9 g
4 S. diskus = 36 g

Ich gehe nun davon aus, dass ich die Tiere nur mit Flockenfutter ernähre.
Dieses Flockenfutter enthält etwa 50% Proteine. Diese Proteine enthalten etwa 20% Stickstoff.
80% der aufgenommenen Proteine werden als NH3/NH4 vom Fisch ausgeschieden/abgeatmet.

100 P. axelrodi:
50 Gramm Fisch brauchen also 2,5g Trockenfutter am Tag.
100 Tiere x 0,5 g = 50 g x 5% = 2,5 g Futter.
Das bedeutet einen Eintrag von 1250mg Proteinen.
2,5 g x 50% = 1,25 g x 20% = 0,25 g x 80% = 0,2 g

Oder 200mg NH3/NH4 (mit 20% Stickstoffanteil gerechnet).

Das sind dann 1,0 mg/l NH3/NH4 bei einer Wassermenge von etwa 200 Litern.

1 S. diskus:
180 Gramm Fisch brauchen also 9 g Trockenfutter am Tag.
1 Tier x 180 g = 180 g x 5% = 9 g Futter
Das bedeutet einen Eintrag von 4500 mg Proteinen.
9 g x 50% = 4,5 g x 20% = 0,9 g x 80% = 0,72 g

Oder 720 mg NH3/NH4 (mit 20% Stickstoffanteil gerechnet).

Das sind dann 3,6 mg/l NH3/NH4 bei einer Wassermenge von 200 Litern.

4 S. diskus:
720 Gramm Fisch brauchen also 36g Trockenfutter am Tag.
4 Tiere x 180 g = 720 g x 5% = 36 g Futter
Das bedeutet einen Eintrag von 18000 mg Proteinen.
36 g x 50% = 18 g x 20% = 3,6 g x 80% = 2,2 g

Oder 2200 mg NH3/NH4 (mit 20% Stickstoffanteil gerechnet).

Das sind dann 11 mg/l NH3/NH4 bei einer Wassermenge von 200 Litern.

Wenn man nun davon ausgeht, dass 1,0 mg NHx etwa 3,7 mg Nitrat (NO3) erzeugen kann, sieht man sehr deutlich wie unterschiedlich ein eventuelles Filtersystem beansprucht wird.

Ein Filtersystem muss also bei den hier unterstellten Beispielen mit NHx Gehalten von 1,0 – 11,0 mg/l zurecht kommen. Soll heissen, diese Mengen an NHx müssen von den Filterbakterien in einer bestimmten Zeit über Nitrit zu Nitrat verstoffwechselt werden.

Ist der Stoffwechsel der Bakterien abgeschlossen haben wir theoretische Nitratwerte von 3,7 – 40,7 mg/l NO3.
1,0 mg/l NHx x 3,7 = 3,7 mg/l NO3
3,6 mg/l NHx x 3,7 = 13,32 mg/l NO3
11,0 mg/l NHx x 3,7 = 40,7 mg/l NO3

In dieser Rechnung sind natürlich keine Stoffwechselvorgänge der Pflanzen enthalten.
Die werden sicherlich NHx abgreifen und negativ zur NO3 Bilanz beitragen.

Beste Grüße
Martin
Last edited by Biotoecus on 06 Sep 2008 14:11, edited 2 times in total.
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Postby Tobias Coring » 06 Sep 2008 14:00
Hi Martin,

tolle Rechnung. Gibt wirklich einen guten Einblick in die Nährstoffmassen eines Diskusbeckens :)
Herzliche Grüße aus Braunschweig,

Tobias

Bitte sendet mir keine geschäftlichen Anfragen als private Nachricht.
Gerne helfen wir dir telefonisch unter +49 531 2086358 (Mo.–Fr. 9–17 Uhr) oder per E-Mail unter huhu@aquasabi.de weiter.

Lass es wachsen!

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Postby Biotoecus » 06 Sep 2008 14:20
Hallo Tobi,

und nun kramen wir mal in den Düngesystemen nach einer täglichen NO3 Düngung.
Diese Düngergabe verrechnen wir dann mal mit der theoretischen Beispielrechnung oben.

Ich werd noch irre. :D

Beste Grüße
Martin
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Postby Hardy » 06 Sep 2008 23:15
Hi Martin
Super Sache das! :top: Wollt' ich auch immer mal machen, aber wie das mit "immer mal" so ist...
Hab' mir den Text jedenfalls raus kopiert und so abgelegt, dass ich ihn auch nächste Woche noch wieder finde. Wird da 'ne Lizenzgebühr fällig? Ansonsten: Herzlichen Dank!
... mit herzlichen Grüßen aus München & ggf. allfälligen "seasonal greetings" :D, der Hardy
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Postby Biotoecus » 07 Sep 2008 15:01
Hallo Hardy,

ich war mal so frei.

http://www.aquaristik-normal.de/html/fu ... eorie.html

Beste Grüße
Martin
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Postby kurt » 13 Sep 2008 11:30
Hallo Martin,

ein schöner und ausführlicher Bericht zur Problematik der Fütterung, toll. :top:

Den steigenden Nitatgehalt habe ich damals folgendermaßen bekämft, angeregt durch das Diskusjahrbuch 1991
(Aufbau eines bologischen Nitratfilters) wurde das Prinzip in meinem Diskus Pflanzenaquarium umgesetzt, mit Erfolg. Den Nitatgehalt konnte man so bis auf null bringen. Der Peak beim Abbau nach der Fütterung (vergällter Akohol), der bis zum Sulfatabau ging, war aber ein Balanceakt, der Schwefelgeruch ist dann auch äusserst unangenehm. Einstellen konnte man das aber mit der Durchflußgeschwindigkeit. Der Nitratfilter ist schon länger abgestellt. Interessant wäre es mal über Mikroskop nachzusehen, was sich darin tummelt?
Die Denitrifikation habe ich auch über meine Bodendurchsickerrung erreichen können aber da bekam ich Schwierigkeiten mit der nötigen Durchflussgeschwindikeit im Bodengrund (zu hoch), es enstanden schwarze Pflanzenstängel. Bis jetzt konnte ich über die Ursachen noch nichts in Erfahrung bringen. Zurzeit fahre ich sie sehr niedrig und habe keine Probleme mehr damit, die nötige Einstellung wurde über den Redoxwert gefunden.
Jetzt versuche ich den Nitratabau über das Verhältnis Fisch bzw. Pflanzenwuchs und Geringfilterung zu steuern. :D
Gruß Kurt
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http://unterwasserleben.bplaced.net//Homepage%203/index.html
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Postby Biotoecus » 14 Sep 2008 10:35
Hallo Kurt,

im Moment sitze ich über einem Wust an Zahlen. Die obige Beispielrechnung zielt ja nur auf das Trockenfutter mit einem Gehalt von 50% an Proteinen.
Da muss man ganz klar sehen, dass andere Futtersorten (Lebendfutter, Frostfutter) mit wesentlich weniger Proteingehalt daher kommen.
Entsprechend geringer fällt dann auch die Nitratbilanz aus.
Und wo ich mir noch gar keinen großen Kopf drüber gemacht habe, ist Holz im Aquarium. Da hat man ja quasi ne prima Kohlenstoffquelle und da werden mit Sicherheit auch Nitratabbauende Prozesse laufen.
Mir erscheint der Gedanke sehr vernünftig nicht nur über Pflanzen- sondern auch über Holzmassen an die Nitratverwertung heran zu gehen.
Wie auch immer. Man bekommt so ein System schon geregelt. Und sei es über den Schlauch. :D

Beste Grüße
Martin
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Postby Tefe » 30 Sep 2008 07:59
Hey,

wollte dann auchmal etwas zu dem Thema beitragen.
Ich betreibe derzeit ein 500L Becken mit 7 ausgewachsenen Diskus.

Ich betreibe wöchentliche WW von 40-60% - und habe vor dem WW gemessen
ohne zusätzliche Stickstoffdüngung Nitratwerte von ca 20mg/l.
Was IMHO noch absolut im ertäglichen Rahmen ist.
Das Becken ist stark bepflanzt und moderat beleuchtet.

Umgesetzt wird das ganze über eine relativ starke Filterung - was auch ein tägliches nachdüngen von Eisen u.a. Spurenelementen nötig macht. Die Filterung könnte man eventuell noch etwas zurückfahren - das muss ich aber erstmal stufenweise ausprobieren. Momentan ist vermutlich noch etwas zuviel Substrat vorhanden.

Man muss sich diesbezüglich einmal die Abbauleistung der Pflanzen bewusst machen -
wenn ihr das ganze mal auf die Rechnung oben umlegt könnt ihr euch vorstellen was die Pflanzen da verstoffwechseln.

Im übrigen habe ich ein Phosphatwert von n.n. -> soll heissen ich dünge in diesem Becken zur Algenvorbeugung zusätzlich Phosphate. Zwar nur in sehr geringen Mengen - aber ohne bilden sich bei mir erwiesenermaßen Algen.

Soll heissen die Phosphate aus den tierischen Abbauprodukten werden _komplett_ aufgebraucht. Soviel zum Thema in einem stärker besetzten Becken reichen die Phosphate aus der Fütterung aus..

Nur um den doch recht interressanten Theorien mal einen praktischen Anstrich zu geben.

MfG Ivo
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